Kampf um einen Toten

Wie lokale und konfessionelle Spannungen zwischen Niedershausen und Löhnberg 1758 ausgetragen wurden

Zusammengestellt von Runfried Schuster

Ein Schlaglicht auf die lokalen und konfessionellen Spannungen zwischen Niedershausen und Löhnberg wirft der folgende von Pfarrer Johann Karl Ritz im Jahr 1758 in das Kirchenregister gemachte Eintrag:

Ernestus Christophorus Thies, luth. Rel.; in seinem Leben gewesener Hüttenverwalter auf unserer sogenannten Löhnberger Hütte; gestorben den 27. Mai 1758, beerdigt in Löhnberg 30.5., in Niedershausen 1.6.1758, welcher, ohngeachtet er lutherisch war, mir seinen Sohn in die Information gegeben, privat und publique Cathechisation geschult, welchen auch lateinisch, griechisch, hebräis u. französische Sprache und galante Studien als Geo- und Hydrographie, Poesie, getreulich unterrichtet, weil er mit der Zeit einen reformierten Christen hat abgeben sollen.1

Wie er krank geworden, so fragte ihn seine Frau, ob und welchen Pfarrer sie rufen lassen sollte; und seine Antwort war, nicht den Löhnberger, sondern den Niedershäuser, welcher, so er sterben soll, auch wenn er wollte, bei Thies bis an sein Ende bleiben sollte. Auf diesen Ruf hin, auch auf diesen Tag (das ist der 23. Mai) bin ich hinutntergegangen und Tag und Nacht bei Thies geblieben bis den 27., da ist er im Herrn selig entschlafen. Ich ließ alsbald in Niedershausen eine ganze Stunde lang läuten und seinen Tod also damit jedem bekanntmachen und so viel eher als der Löhnberger Pfarrer Francke, der groß protestierte und mir erklärte, dass er die Stola von undenklichen Zeiten herin genossen, weil die Hütte ein Filial von Löhnberg sei und darauf reflektierte, dass die Hütte nicht gemeinschaftlich, sondern schlechterdings nassauisch sei; jedoch ich war nicht willens, mit ihm darüber zu disputieren, ich wollte es an das Vormundschaftliche Oberconsistorium berichten und Order erwarten, wohin die Hütte gehöre und der Leichnam sollte beerdigt werden. Wie nun hochdaselbst gnädig verordnet, daß er auf den Niedershäuser Kirchhof solle begraben werden, gingen ich hinunter und zeigte daselbst, der Frau Hüttenverwalterin, welche darüber feuerot wurde und wie ich sie fragte, weil er schon stark roch und das Wasser aus der Lade lief, stellte sie es mir in meinen freien Willen, nach einiger Überlegung aber sagte sie, es ware ihr am liebsten, wenn es morgen Abend um 4 Uhr geschehen könnte. Ich stand es ihr zu bei dem Weggehen, aber mit Herrn Amtmann Grüter von Löhnberg, der auch auf Befejl bekommen, Sorge zu tragen, daß er hierher auf den Kirchhof käme, nahmen wir miteinander Abrede, denselben um die gewöhnliche Zeit zwischen 10 und 11 Uhr morgens zu begraben, um den Löhnbergern, die gedroht hatten, ihn uns mit 400 Mann (Militz) gewaltsam über der Brücke wegzunehmen und die ihre Toten um 12 Uhr begraben, eine Stunde zuvorzukommen. Dictum faktum – gesagt, getan.

Sobald heroberdert die Niedershäuser und Obershäuser, sie sollen um 10 Uhr auf der Hütte sein. (Andernfalls 5 R Strafe). Es wurde aber mein Vorhaben von hiesigen Lutheranern den Löhnbergern verraten und das morgens 8 Uhr früh zu Löhnberg Zeichen geläutet und das Grab gemacht, auch die Totenbahre vor die Tür an der Hütte gestellt, welche meine Leute auf Order des Herrn Grüter gleich in Stücken schlugen. Wie nun Amtmann Grüter saumelig war und die vor Niedershausen verschlossene Tür nicht öffnen ließ, sondern die 12 Uhr abwarten wollte, um zu sehen, ob sie Gewalt brauchen würden, so erfolgte durch dieses Vorgehen ein erschreckliches Blutbad, indem die ganze Gemeinde, weiblichen und männlichen Geschlechts um 12 Uhr mit Steinen und Säcken und Schürzen beladen, meine Leute, die nur Gesangbücher in Händen hatten, damit in mörderischer Weise anfiel. 3 Tote, wie wir meinten, so sich aber aus ihrer Ohnmacht wieder erholt und durch Fleiß und Geschicklichkeit der Doktoren und Chirurgen einige Wochen hernach wieder kuriert noch, über 20 Personen gefährlich blessiert.

Und weil ihnen alsobald die Hausti geöffnet wurde, den Sarg ergriffen und durch den Bruggraben nach Löhnberg trugen und daselbst mit Jubilieren begruben.² Den 1. Juni aber kam ein Kommando von Dillenburg, 200 Mann, marschierten mit unseren Leuten auf die Hütte und vor Löhnberg, hoben die verschlossenen Tore aus den mit Hebln und zogen mit Trommelschlag und Pfeifen und scharf geladenem Gewehr auf den Kirchhof daselbst, gruben den toten Körper heraus und legten ihn auf einen Karren und brachten ihn in Prozession mit Sang und Klang hierher und begruben ihn würdig des nachmittags um 4 Uhr in unserer Kirche.

Der Rede nach sollen sie Order gehabt haben, diejenigen, so mitgemacht haben und sich widersetzten würden, darnieder zu schießen und den Ort ½ Stunde zu plündern. Zu ihrem größten Glücke aber war alles aus Löhnberg fortgelaufen und ging also diese Exekution ohne Blutvergießen ab. Hier im Ort aber ging es lustig her. Die Soldaten sangen und tranken, auch kostet dieser Tag nicht wenig. Denn die Offiziere und Beamten und andere Freunde, deren 1000 hier waren, hungrig und durstig waren und denen man aus Wohlliebenheit essen und trinken, was das Haus vermag, unentgeltlich geben musste.

Nunmehr aber ist ein reformierter Hüttenverwalter daselbst und es ist also ausgemacht, dass die Hütte nach Niedershausen und der derzeitige Pfleger hier selbst nicht zu Löhnbergs ins Nassauische gehört.

59 Jahre später, 1917, waren jedenfalls die konfessionellen Gegensätze zwischen dem reformierten Niedershausen und dem lutherischen Löhnberg soweit überwunden, daß man den Zusammenschluß zu einer Evangelisch-Christlichen Kirche (einer Kirche der Union) guthieß und in feierlichen Gottesdiensten am Reformationstag besigelte.

Anmerkungen

1 Die besondere Beziehung zwischen Pfarrer Ritz und Hüttenverwalter Theis geht auch aus dem Eintrag im Taufregister 1758 hervor, in welchem Thies als Pate des achten Kindes von Pfarrer Ritz, namens Ernestus, eingetragen ist. 2 Der Pfarrer von Niedershausen schickte alsbald einen Beschwerdebrief an den Rat und Amtmann Parcus von Beilstein, Naussau-Oranien, der mit den Worten beginnt: „Mit blutiger und zitternder Hand muß ich Ew. Hochedelgeborenen das große Blutbad berichten, welches bei der Beerdigung des entseelten Körpers des Herrn Hüttenverwalters Thießen auf der Hütte vorgefallen…!“

Wie wir weiterlesen, blieb dann offenbar dieser Bericht nicht ohne Folgen.